Lieber Herr Jäger,
vor genau einem Jahr sind wir bei Dir aus dem Ei geschlüpft. Damit Du uns noch wiedererkennst, haben wir Dir die Fotos mitgeschickt, die Du damals von uns gemacht hast. Seit 10 Monaten wohnen wir nun hier und haben es gut getroffen. Ein ganzes Zimmer mit Abenteuerspielplätzen und Baustellen für uns. Am liebsten sitzen wir an unseren Fensterplätzen – da haben wir eine Liane mit Baumwollknoten, einen großen Spielplatz, eine lange Schaukel, Äste, ein Holzgitter und zwei Bambusrollos als
Kletterwände. Wenn wir nicht gerade knabbern oder singen oder klettern, dann drücken wir uns entweder die Schnäbel an der Scheibe platt oder fliegen herum, gleichzeitig mit den vielen Vögeln auf der anderen Seite der Fensterscheibe.
Auf der anderen Seite der Scheibe gibt es Futterplätze und Vogelhäuser für Wildvögel. Aber wir werden hier drin ja auch gut gefüttert. Damit wir nicht zu dick werden, kommen wir regelmäßig auf die Waage – und dann gibt’s wieder Knaulgras-Diät... aber wir wollen nicht meckern, Knaulgrassamen schmecken echt lecker.
Wir haben hier an den Fensterscheiben nicht nur jede Menge Meisen oder Amseln, sondern auch Buchfinken, zwei Türkentauben und vor allem einen großen Schwarm von Stieglitzen. Manchmal kommen über zwanzig Stieglitze gleichzeitig, da ist hier echt was los. Manchmal kommt auch ein Specht und neulich hatten wir einen Eichelhäher. Am tollsten ist es aber, wenn unsere großen grünen Vettern mit den roten Krummschnäbeln uns besuchen: Halsbandsittiche. Dann gucken wir uns gegenseitig durch die
Scheiben an, flattern mit den Flügeln und kreischen alle zusammen irre laut vor Freude, weil wir uns so ähnlich sehen. Am liebsten würden wir dann mit denen mitfliegen... Aber hier ist es eigentlich auch ganz schön...
Unsere Federlose hat die Scheiben mit kleinen Fotos von uns beklebt und seit ewig keine Fenster mehr geputzt, damit wir die Scheiben erkennen und nicht dagegen donnern. Aber wir sind doch nicht blöd... Wahrscheinlich macht sie das für die Wildvögel. Allerdings hatte Max neulich einen kleinen Unfall, wie man an seinem Schnabel noch sieht.
Wir haben jede Menge Äste und Kork-Baustellen, die wir schreddern dürfen. Und einen kleinen kuscheligen Käfig extra nur für unseren Mittagsschlaf. Eigentlich will unsere Federlose nicht, dass wir da rein gehen, weil sie keine Lust hat, zwei Käfige sauber zu machen [es ist der Kranken- und Transportkäfig], aber kaum dreht sie sich um, da sitzen wir schon wieder drin, hoch oben auf dem Schrank.
Lotte hat bei uns die Hosen an. Sie war bis zum Herbst sehr krank, hatte eine schwere Infektion nach der anderen. Unsere Federlose ist wochenlang mit uns alle paar Tage nach Düsseldorf zu der netten vogelkundlichen Tierärztin gefahren. Auf der Fahrt haben wir im Auto zusammen gesungen und Klavierkonzerte gepfiffen, nachher hat das sogar Spaß gemacht. Aber für Lotte war es doch stressig. Die Tierärztin und unsere Federlose haben sie wieder hochgepäppelt – ja und jetzt ist sie gesund,
rotzfrech und eine richtige Zicke! Abends streiten wir uns immer um die Schlafplätze. Herr Jäger, rat doch mal, wer gewinnt... [alle Schlafplätze für Lotte, ein kleines Eckchen für Max].
Max ist der Quatschkopf und das Kuscheltier von uns beiden. Oft nervt er mit seinen liebevollen Annäherungsversuchen, und dann gibt’s was auf den Schnabel. Aber im Prinzip lieben wir uns sehr. Keiner ohne den anderen. Wenn wir keinen Sichtkontakt mehr haben [z. B. weil Lotte mal wieder irgendwo neues Gelände erkundet], geht ein riesiges Geschrei los: Wo bist du, wo bist du? Max knabbert stundenlang hingebungsvoll die Federhülsen an Lottes neuen Kopffedern auf, füttert sie – oder lässt
sich von ihr füttern!... Das muss doch Liebe sein, oder?
Mit unserer Federlosen kommen wir gut klar. Sie kann in Welli-Sprache pfeifen. Wir kommen auch auf den Finger, aber nur wenn WIR wollen! Wir kommen auch auf die Schulter – , natürlich nur, wenn WIR wollen. Oder wenn’s was Leckeres gibt. Oft führen wir interessante Gespräche zu dritt oder spielen zusammen, z. B. das Spiel, wer am meisten Krach machen kann. Darin sind wir alle drei unschlagbar. Demnächst werden sich die Nachbarn noch beschweren...
Am liebsten mögen wir Gurke und das Baden in Basilikumblättern. Im Moment wächst kein Basilikum, aber bald ist ja Frühling. Dann dürfen wir wieder draußen auf der Balkonterrasse sitzen. Jetzt gibt es da sogar eine neue Markise gegen Sonne und Regen.
Richtig heiß her geht es, wenn unsere Federlose die CD mit den australischen Wellensittichen auflegt. Da flippen wir komplett aus, vor allem Lotte. Sie sucht dann bei den Lautsprechern nach den Australiern. Die müssen sich da versteckt haben.
So, letzte Woche haben wir Lottes 1. Geburtstag gefeiert und gestern den von Max. Es gab leckeren Vogelkuchen. Nun sind wir also so richtig erwachsen. Mal sehen, was das Erwachsenenleben noch so bringt...
Herzliche Grüße aus der Kölner Südstadt. Grüß auch mal unsere Eltern und unsere mittlerweile vielen Geschwister!
Deine Lotte und Max [und die Federlose H.H.]